Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2024
Foto: Violetta Wakolbinger
Emancipatory politics must always destroy the appearance of a ›natural order‹, must reveal what is presented as necessary and inevitable to be a mere contingency, just as it must make what was previously deemed to be impossible seem attainable (Mark Fisher)1
In den gerenderten Welten von Mateusz Dworczyk tummeln sich ineinander verzahnte Körperteile. Sie sind verzahnt im Wortsinn: Da graben sich Zähne in behaarte, arm- oder beinähnliche Gliedmaßen, tauchen fleischige Innereien in direkter Nachbarschaft zu nagellosen Zehen auf, kickt ein Babyfuß in den Freiraum unmittelbar neben einem Ohr. Mitten in der organischen Gemengelage treibt ein AirPod, schlängelt sich eine Perlenkette und sind zweifelhafte technische Artefakte zugeschaltet.
Die scharf konturierten Renderings erwecken intuitiv den Eindruck von eindeutiger, klarer Lesbarkeit. Doch wie bei diesen Zauberbildern, die sich nur scharf stellen lassen, wenn man aus genau der richtigen Distanz an ihnen vorbeischaut, wird auch das hier Abgebildete verunklart, sobald man ihm gezielte Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt. Die Frage drängt sich auf: Was ist es denn eigentlich, was wir hier sehen, wenn wir den Blick nicht aus Überforderung nur kursorisch über die Bildträger gleiten lassen?
Uneindeutigkeit, wenngleich in ganz anders hergeleiteter und -gestellter Form, evozieren auch die Drucke von Lisa Wieder. Die monochromen Prints und Textilien verunklaren weniger durch das Mittel des Vexierbilds als durch jenes des Zooms-bis-zur-Unkenntlichkeit. Wir kennen diese Methode etwa von Mikroskopaufnahmen, in denen kleinste organische Zellen zu außerirdischen Monstern aufgeblasen werden. In Wieders Serie _scapes (2024) erscheinen die neu dimensionierten Strukturen allerdings weniger als fantastische Wesen denn als unheimliche, gänzlich unbelebte Landschaften.
Es sind oft organische Materialien, die die Künstlerin scannt und dann vergrößert, bis von ihrer ursprünglichen Erscheinung nichts mehr wiederzuerkennen ist. Details verwandeln sich in schwer fassbare Wölbungen und Auswüchse; sie nehmen sich aus wie Einbuchtungen in einem abgestorbenen Baumstamm, von Einsiedlerkrebsen verlassene Unterwasserhöhlen oder aus einem Morast herausragende Bergspitzen. Ob sie alle Elemente eines noch unbewohnten Planeten oder einer schon in den ökologischen Ruin getriebenen Erde sind, bleibt dabei offen.
[...]
Die Zusammenführung verschiedener Varianten der Verunsicherung des Blicks, die _scapes and _bodies unternimmt, stiftet Übungsplätze für das Projekt, beim Unabgeschlossenen zu verweilen. Die Einladung der Ausstellung lautet, ebendas nicht als angsteinflößenden Zustand zu verstehen, sondern als lustvolles und aufregendes Spielfeld des Schauens – und uns als seine Gestalter:innen.
Denn nicht nur auf der Bildebene arbeiten Dworczyk und Wieder mit Fragmentierung, Glitch und Unklarheit, sondern sie holen sie ebenso in den Raum. Die Arbeit texture (2026) macht eine zweidimensional auf Textil gedruckte Landschaft als eine neu geformte erfahrbar; BODY RORSCHACH (2026) zerteilt ein Körper-Amalgam auf fünf Alu-Displays, deren bedruckte Oberflächen sich nur zu einem Ganzen zusammenfügen, wenn man direkt vor ihnen steht, und deren Achsen sich auf paradoxe Weise zu verschieben beginnen, sobald man in Bewegung tritt.
Wir müssen uns also den Bildern gegenüber und inmitten von ihnen selbst verorten. Die Frage, was wir sehen, tritt im Laufe des Ausstellungsaufenthalts in den Hintergrund zugunsten der Frage, wie unser Blick so zugerichtet wurde, dass wir vor allem Unsauberes und Probleme zu erkennen meinen, wo sich in Wahrheit Lebendiges und damit im besten Sinne Unfertiges abspielt.
Die Zurichtung des menschlichen Körpers als eine autarke, kampfbereite, männliche Entität und die systematische Zerstörung von Landschaft bei ihrer gleichzeitigen Idealisierung werden in _scapes and _bodies nicht schlicht beklagt oder analysiert. Die Arbeiten zielen darauf ab, unseren Blick umzuleiten, umzupolen, zu konfrontieren. Denn die unsichtbar gewordenen, in Haut und Nieren ebenso wie in Wälder und Wiesen eingegangenen Formen von Gewalt zu erkennen und als produzierte offenzulegen, ist ein emanzipatorischer Muskel, der kaum genug trainiert werden kann.
( Ausschnitt aus dem Text von Simon Nagy)
Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2024
Foto: Violetta Wakolbinger
Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2024
Foto: Violetta Wakolbinger
Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2024
Foto: Violetta Wakolbinger
Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2026
Foto: Lisa Wieder
Mateusz Dworczyk, Body Options II (revisited), Videostill, 2026
Foto: Mateusz Dworczyk
Mateusz Dworczyk, o. T., aus der Werkgruppe Procedural Incarnation I, 2023
Foto: Mateusz Dworczyk
Mateusz Dworczyk, Body Rorschach, 2026
Foto: Mateusz Dworczyk
Mateusz Dworczyk, Body Rorschach, 2026
Foto: Mateusz Dworczyk
Lisa Wieder, _Scapes, Serie, 2024
Foto: Violetta Wakolbinger